Mit insgesamt 569 registrierten Teilnehmern an den drei Veranstaltungstagen gingen am 18. September die ZVO-Oberflächentage 2026 – erstmals in Karlsruhe – zu Ende. Eine Premiere nicht nur für den ZVO, sondern auch für die Messe: Die #OTKarlsruhe26 waren die erste Großveranstaltung, die in der runderneuerten Stadthalle im Herzen der Stadt stattgefunden hat.
Pünktlich um 18 Uhr eröffnete ZVO-Vorstand Jörg Püttbach am 16. September 2026 offiziell die #OTKarlsruhe26 und begrüßte die zahlreichen Gäste des Eröffnungsabends, darunter Keynotespeaker Torsten J. Koerting, die Vorstände von ZVO und seiner Mitgliedsverbände, Ehrenmitglieder, die Fachpresse und auf Einladung von ZVO und DGO den Branchennachwuchs aus Berufs- und Hochschulen).
Es folgte ein Grußwort vom DGO-Vorstandsvorsitzenden Dr. Martin Metzner, der zu den DGO-Ehrungen überleitete.
In seiner Keynote zum Thema „KI im Mittelstand – nicht Zukunftsmusik, sondern Wettbewerbsvorteil“ ordnete Torsten J. Koerting, KI-Stratege, Bestsellerautor und Mitgründer der Koerting Institute, das Thema Künstliche Intelligenz ein: Mit Hilfe einer Wäscheleine, Fotos und Unterstützung aus dem Publikum führte er zunächst durch die 80-jährige Historie der KI, stellte dann verschiedene KIs vor und eröffnete mit Live-Demonstrationen und dem Blick von außen neue Perspektiven, was KI für den industriellen Mittelstand bedeuten kann. Ein Impuls, der noch beim ersten Bier des anschließenden Get-togethers in lockerer Atmosphäre nachwirkte.
Am nächsten Morgen ging die KI-Reise in die Verlängerung, unter anderem mit einem Workshop von Koerting zum Thema „KI-Kompass für den Mittelstand: Meine relevanten Anwendungsfälle identifizieren“ der hinzugebucht werden konnte.
Im Mittelpunkt des umfangreichen Vortragsprogramms an den beiden Folgetagen standen außerdem die Themen Digitalisierung, Brandschutz, Energie(systeme) und Wasserstoff, Rohstoffe und Zirkularität, Bad- und Oberflächenanalyse sowie Schadensfälle. Hinzu kamen Sessions zu wiederkehrenden Themen wie Kathodischer Korrosionsschutz, Funktionsschichten, Prozess- bzw. Produktqualität, neue Geschäftsfelder, Anforderungen und Zukunftsthemen für die Galvano- und Oberflächentechnik, das bewährte Unternehmerforum „Management meets Oberfläche“ sowie die Berichte der Jungen Kollegen.
Das ZVO-Ressort Umwelt und Chemikalienpolitik lud am Vormittag des 17. Septembers 2026 wieder zur Sprechstunde zu regulativen Entwicklungen in der europäischen und nationalen Umwelt- und Chemikalienpolitik. Im Rahmen der Session befasste sich Dr. Roland Appel von den Bayrischen Chemieverbänden in einem Vortrag mit der Frage, was die aktuelle Chemikalienpolitik für die (Chemie-)Industrie bedeutet. Anhand aktueller Regulierungsaktivitäten (im Kontext von REACH und CLP) sowie deren Auswirkungen auf die Chemie- und nachfolgende Industriebranchen erläuterte er die Entwicklungen im europäischen Chemikalienrecht. Er kam zu dem Schluss, dass es mittlerweile zu einem deutlichen Substanzverlust der gesamten Industrie gekommen ist.
Die Problematik wurde im weiteren Verlauf vertieft, mit Bezug auf den Aufruf von ZVO-Vorstand Püttbach während der Eröffnungsveranstaltung, sich Gehör zu verschaffen. Es wurde aufgezeigt, wie durch individuelle Stellungnahmen jedes Einzelnen eine Betroffenheit in der Öffentlichkeit erreicht werden kann. Hierbei soll die Website madeingermanybrauchtzukunft.com helfen. Der ZVO kann nicht die Stimme und das Gesicht der betroffenen Unternehmen, ihrer Mitarbeiter und Familien ersetzen, um Wirkung zu erreichen. Er sagt aber jedem, der sich aktiv öffentlich äußern will, größtmögliche Unterstützung zu.
Im Mittelpunkt der Session des ZVO-Frauennetzwerkes Female SurFaces standen diesmal die Veränderungen der Arbeitswelt und deren konkrete Auswirkungen auf die Branche im Fokus. Der Schwerpunkt lag auf den Perspektiven von Frauen, wurde jedoch bewusst erweitert um unterschiedliche Generationen, kulturelle Hintergründe und Lebensrealitäten. Ziel war es, Impulse für eine attraktive, respektvolle und zukunftsfähige Arbeitskultur in der Oberflächentechnik zu setzen.
In einem kompakten Impulsvortrag gab Katja Feige zum Auftakt einen Überblick über relevante Entwicklungen. Sie beleuchtete Fakten zur Transformation von Arbeit sowie zentrale Trends wie Fachkräftemangel, Automatisierung, KI und demografischer Wandel. Zudem zeigte sie auf, was diese Entwicklungen konkret für Aufgaben, Rollen und Qualifikationsanforderungen bedeuten. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf Zusammenarbeit, Kommunikation, Ausbildung und Führung sowie auf Wertschätzung und psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz. Erhebungen und Erfahrungen aus den Aktivitäten der Female SurFaces gaben Einblicke in die Branche und zeigten, wie Veränderungen wahrgenommen werden.
Es folgte eine Podiumsdiskussion zur Frage: Zwischen Anspruch und Alltag: Wie fair ist unsere Arbeitskultur wirklich? Sie griff die Impulse des Vortrags auf und öffnete den Raum für einen offenen, kritischen und konstruktiven Austausch. Die Diskussion verdichtete sich zunehmend auf das Thema Ausbildung, auch durch zahlreiche Wortbeiträge aus dem Auditorium bzw. die wechselnden Akteure auf dem freien Stuhl des Panels. Ein Thema, das offenbar sowohl beim weiblichen wie beim männlichen Nachwuchs als auch bei Ausbildern und Unternehmern Handlungsbedarf zeigt.
Beim abschließenden interaktiven Marktplatz mit drei Ständen zu unterschiedlichen Thematiken wurden dann Ideen und Lösungen erarbeitet. Die Teilnehmenden waren eingeladen, sich aktiv einzubringen und Erfahrungen zu teilen, zu den Themen bzw. Fragen „Attraktivität der Galvanobranche als Arbeitgeber: Wie lässt sich die Sichtbarkeit der oberflächentechnischen Berufe erhöhen? Wie kann Nachwuchs gewonnen werden?“, „Transformation in der Arbeitswelt: Welchen Einfluss haben Digitalisierung und KI?“ sowie „Mit welchen Themen sollten sich die Female SurFaces befassen“. Die Ergebnisse aus dem gemeinsam Erarbeiteten werden ausgewertet und fließen in die zukünftige Arbeit des Frauennetzwerks ein.
Die Female SurFaces waren außerdem wieder mit einem Stand in der begleitenden Industrieausstellung vertreten, in der rund 70 Aussteller ihre Produkte und Dienstleistungen präsentierten und zu Fachgesprächen einluden.
Der Vortragsblock „Ergebnisse aus der Forschung – Junge Kollegen berichten“ bot auch 2026 wieder einen konzentrierten Einblick in aktuelle Forschungsarbeiten aus der Galvano- und Oberflächentechnik. In zwei aufeinanderfolgenden Sessions reichte das Themenspektrum von elektrochemischen Energiespeichern und Elektrolyse über Legierungsabscheidung und Galvanoformung bis hin zu Gussaluminium, Batteriematerialien und analytischen Methoden. Gerade diese Mischung aus grundlagenorientierten Arbeiten, anwendungsnaher Verfahrensentwicklung und materialwissenschaftlicher Charakterisierung machte den besonderen Reiz der Vortragsreihe aus. Sie zeigte zugleich, wie eng die Oberflächentechnik inzwischen mit den Zukunftsfeldern Energieumwandlung und Energiespeicherung verknüpft ist.
Marius Engler, Doktorand an der TU Ilmenau, eröffnete die erste Session mit dem Vortrag „Strategien zur Entwicklung effizienter Elektrolyte für Eisen-Redox-Fluss-Batterien“. Nachdem er 2025 mit dem Nasser-Kanani-Preis ausgezeichnet worden war, stellte er nun die Weiterentwicklung seiner Arbeiten an einem Energiespeichersystem vor, das ohne kritische oder knappe Aktivmaterialien auskommen kann. Im Mittelpunkt standen Strategien zur gezielten Auslegung und Optimierung der Elektrolyte, die einen wesentlichen Baustein für leistungsfähige Eisen-Redox-Fluss-Batterien bilden.
Ebenfalls von der TU Ilmenau kam Richard Kübler, der sich der galvanischen Herstellung von Nickel-Eisen-Katalysatorschichten widmete. Besonders hervorzuheben war, dass er nicht bei einer rein empirischen Elektrolytentwicklung stehen blieb, sondern tief in die fundamentalen Mechanismen der Legierungsabscheidung eindrang. Damit verband der Vortrag eine konkrete Anwendung in der Wasserelektrolyse mit grundlegenden Erkenntnissen zur Legierungsabscheidung von Nickel und Eisen.
Der diesjährige Preisträger des Nachwuchsförderpreises der DGO, Mohamad Dodangi von der TU Chemnitz, stellte Untersuchungen zur Verkupferung geometrisch komplexer, nichtmetallischer Strukturen vor und zeigte, welche Bedeutung der Elektrolytströmung für eine gleichmäßige Metallabscheidung auf anspruchsvollen dreidimensionalen Geometrien zukommt. Der Beitrag verdeutlichte, wie Prozessführung und Bauteilgeometrie gemeinsam betrachtet werden müssen, wenn reproduzierbare Schichtdicken und eine vollständige Abdeckung erreicht werden sollen. Herr Dodangi erwies sich in seinem Vortrag als würdiger Preisträger und beeindruckte durch seine Expertise in mehreren Disziplinen – von der Elektrochemie über die Simulation bis hin zur 3D-Animation.
Andreas Winter aus Ilmenau sprach über den „Einfluss der Mikrostruktur auf die Anodisierbarkeit recycelter Guss-Aluminiumlegierungen“. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag bewusst auf der Herstellung und Qualität des Gusswerkstoffs und nicht auf der Elektrochemie des Anodisierens. Damit lenkte er den Blick auf einen Aspekt, der in der Beschichtungspraxis leider häufig zu wenig berücksichtigt wird: Die Qualität einer späteren Oberfläche wird wesentlich durch das Grundmaterial und dessen Herstellungsbedingungen vorbestimmt. Gerade bei recycelten Aluminiumlegierungen ist ein fundiertes Verständnis der Mikrostruktur daher eine wichtige Voraussetzung für robuste nachfolgende Oberflächenprozesse.
Max Braungardt von der Hochschule Aalen eröffnete die zweite Session mit dem Vortrag „Entwicklung nachhaltiger leistungsstarker Natrium-Schwefel-Batterien mit neuartigem synergetischem Polymerseparator und Elektrodenkonzept“. Als Polymerchemiker gab er dem galvanotechnisch geprägten Publikum interessante Einblicke in die Rolle-zu-Rolle-Herstellung von Polymerfolien. Besonders reizvoll erscheint die mögliche Verbindung dieser kontinuierlichen Folienfertigung mit der an der HS Aalen etablierten Technologie der Kompositgalvanoformung. Dadurch ergeben sich Ansatzpunkte für neuartige, funktional integrierte Elektroden- und Separatorkonzepte.
Der im Programm ursprünglich für Christian Kiesl angekündigte Vortrag über Silizium-Komposit-Anoden wurde von Dr. Reinhard Böck vom FEM in Schwäbisch Gmünd gehalten. Inhaltlich ging es um Lithium-Ionen-Batterien und die elektrochemische Herstellung von Silizium-Komposit-Anoden. Der Beitrag zeigte anschaulich, wie galvanotechnische Fertigungsansätze für die Entwicklung zukünftiger Batteriematerialien nutzbar gemacht werden können.
Azadeh Abdi von der TU Ilmenau berichtete in ihrem Vortrag „MnO₂-Graphen-Verbundkathoden für wässrige Aluminium-Ionen-Batterien“ über die Herstellung von Graphen-Manganoxid-Kompositmaterialien mittels Hydrothermalverfahren. Die erhaltenen Materialien wurden unter anderem mit Raman-Spektroskopie charakterisiert. Die Ergebnisse unterstrichen das Potenzial solcher Verbundkathoden, machten aber zugleich deutlich, dass die Beziehungen zwischen Herstellungsbedingungen, Struktur und elektrochemischen Eigenschaften noch besser verstanden werden müssen.
Den Abschluss bildete Burkhard Hübner von der Hochschule Mittweida mit einem Überblick über die Einsatzfelder der Raman-Spektroskopie in der Galvanotechnik. Durch die klare Ausrichtung auf praktische Fragestellungen und den unmittelbar erkennbaren Nutzen für die Werkstoffanalytik stieß der Beitrag beim Publikum auf großes Interesse. Zugleich knüpfte er inhaltlich passend an die zuvor vorgestellte Raman-Charakterisierung der MnO₂-Graphen-Verbundwerkstoffe an.